"Das schaffen wir nie!"

Über den Türmen der Universität von Zavandor senkte sich bereits die Sonne, als Erdikt, der junge Druide, von seinen Übungsaufgaben aufblickte. Er saß mit seinen Studienkollegen auf einem felsigen Hügel vor der Stadt. Die magische Fakultät der Universität von Zavandor war die beste Adresse für Zauberei und verwandte Wissenschaften, aber die Anforderungen an die Studenten waren entsprechend hoch. Es waren nur noch wenige Wochen bis zu den Zwischenprüfungen, und die sechs Studenten, die sich regelmäßig zum Lernen trafen, hatten allesamt nur wenig Aussicht, diese Prüfungen zu überstehen.

Pericia, die Hexenkunst belegt hatte, ließ mißmutig etwas Zauberstaub zwischen ihren schlanken Fingern herabrieseln. Glitzernd und funkelnd schwebte die magische Substanz langsam zu Boden und verschwand zwischen den Felsspalten. "He, laß das, das Zeug ist teuer!", tadelte Jea, ihre Zimmergenossin vom Volk der Feen. Sie begann, die Reste des wertvollen Pulvers vom Boden aufzulesen, und scheute sich nicht, dafür Steine und Geröll zur Seite zu schaffen.

"Nanu, was ist denn das?", entfuhr es ihr plötzlich, gefolgt von einem kratzenden Geräusch und einem schrillen Aufschrei. Von einem Augenblick auf den anderen war Jea verschwunden.

Verblüfft und erschrocken blickten die fünf anderen auf die Stelle, an der eben noch ihre Mitstudentin gekauert hatte. Flermin, der Kobold, faßte sich als erster und untersuchte den Boden dort näher. "Hier ist ein Spalt im ... Ooh ..." hörten die anderen ihn rufen, dann war auch er unversehens fort.

"Was war das?", schrie Warelia, das Elfenmädchen. "Laßt uns Hilfe holen!"

Doch Erdikt und sein Freund Botilo, der Magiestudent, waren bereits an die geheimnisvolle Stelle herangetreten. Pericia legte den beiden die Hände auf die Schultern und sagte nüchtern: "Nicht ihr zwei auch noch. Holt wenigstens ein Seil."

Dieser Vorschlag leuchtete ein. Kurz darauf schlug sich Botilo ein Seil um die Hüfte und robbte übervorsichtig an den verdächtigen Punkt heran. Er fand die Spalte, die Flermin noch erwähnt hatte, und verlor selbst fast den Halt. Schnell befestigten die anderen das Seil an einer Eiche. "Es geht schon!", rief Botilo. "Wenn man vorsichtig ist, müsste man hinuntersteigen können."

Gesagt, getan. Auch Botilo verschwand nun im Erdboden, meldete sich jedoch immer wieder mit Rufen. "Ich bin unten!", verkündete er schließlich. "Alles in Ordnung! Kommt herunter! Das müßt ihr euch ansehen!"

Er wartete nicht darauf, daß die anderen ihre Zweifel überwanden. Von einem Felsenabsatz blickte er auf eine Grotte herab, groß wie ein Dom. Neben ihm standen Flermin und Jea, außer einigen Schrammen offenbar unverletzt, und staunten über den Anblick, der sich ihnen bot. Jea hatte begonnen, ihren Zauberstaub mit vollen Händen in die Luft zu werfen. Die winzigen Kristalle verbreiteten in der Grotte ein unwirkliches Glitzerlicht.

"Merkwürdig", flüsterte Jea und strich mit den Händen die glatten Felswände entlang. "Sie wirkt so ... künstlich!" Die drei gingen auf dem Sims weiter, der plötzlich in eine Treppe überging. Diese Kaverne mußte also von Menschenhand geschaffen worden sein. Oder von Zauberhand?

Dann waren sie am Boden des Felsensaals. Unter Staub und Geröll entdeckten sie steinerne Bänke und Tische. An den Seiten fanden sie zahlreiche schwere Truhen, und nach kurzem Zögern begannen sie, an den Riegeln einer Truhe zu rütteln. Das uralte Holz hielt ihren Anstrengungen nicht lange stand, das ganze Möbel barst in Stücke, und der Inhalt rutschte, rollte, sprang heraus.

"Ringe! Lauter Ringe!", rief Warelia aus, die mit dem Rest der Gruppe inzwischen dazugestoßen war. Sie streifte einen Ring über, der einen breiten Opal trug. Opale wurden zur Erzeugung von Zauberstaub verwendet. In den magischen Laboren der Universität gab es zwei oder drei, die auch gelegentlich an Studenten ausgeliehen wurden. Hier war eine ganze Kassette voll davon, und nicht nur mit Opalen, sondern weitaus mächtigeren Edelsteinen. "Saphire! Diamanten! Rubine!"

Ihre Stimme überschlug sich. Sie versuchte einen Diamantring anzulegen, aber es gelang ihr nicht. Es war, als ob ein magisches Kraftfeld sie daran hinderte, den Ring über den Finger zu ziehen.

Euphorisch gingen die sechs daran, die anderen Truhen zu öffnen oder aufzubrechen. Was sie fanden, überstieg ihre absurdesten Träume: Ringe in allen Variationen, Amulette, Zaubergürtel, Gewänder, magische Essenzen und Elixiere, Schriftrollen, Bücher, magische Formeln ... Viele der Fundstücke konnten sie nicht einordnen, und bald stellten sie fest, dass sie auch die meisten Dinge nicht an sich nehmen konnten. Magie steckte in jedem Gegenstand, und sie mußten sich eingestehen, daß ihre Beherrschung der Magie für diese mächtigen Schätze bei weitem nicht ausreichte.

Während sie in ihren Funden schwelgten, hielt Flermin plötzlich inne. "Ich glaube, ich weiß, wo wir sind!" Die anderen blickten auf. "Es gibt da eine alte Sage ... aber dann müßte ..." Er ließ die Schriftrollen, die er untersucht hatte, achtlos fallen und trat auf eine Nische zu, die sie noch nicht in Augenschein genommen hatten. Ein merkwürdiges kaltes Licht drang aus dieser Nische hervor, und Flermin entdeckte einen Durchgang in ein Nebengelaß. Die anderen folgten ihm.

Ein grelles Schimmern blendete sie, als sie den Nebenraum betraten. Als sich ihre Augen an das hellere Licht gewöhnt hatten, erkannten sie an einer Wand einen länglichen Gegenstand, von dem das Strahlen ausging. "Ich wußte es!" freute sich Flermin. "Das ist das Zepter der Erzmagier!"

Botilo schüttelte den Kopf. "Unsinn. Seit Hunderten von Jahren gibt es keine Erzmagier mehr in Zavandor."

"Eben", konterte Flermin. "Seit das Zepter verschollen ist! Und wir haben es wiedergefunden!"

Ehrfürchtig blickten sie zu dem prachtvollen kristallenen Zepter auf. "Was meint ihr ..." begann Warelia, "als Entdecker dieser sagenhaften Funde können sie uns doch eigentlich nicht durch die Prüfungen rasseln lassen. Oder?"

Erdikt blickte sie entgeistert an.

"Prüfungen? Du denkst noch an Prüfungen? Wer braucht noch die Universität? Das tue ich mir nicht mehr an! Mit diesem Zepter in der Hand kann ich Erzmagier sein!"

"Du?" protestierte Pericia. "Wieso du?"

Während die beiden sich giftig ansahen, trat Botilo einfach vor und griff selbst nach dem Zepter. Doch kaum hatte er es berührt, tat es einen Blitzschlag, und der vorwitzige Student wurde zu Boden geschleudert. Keuchend hielt er sich die rechte Hand. "Na, so einfach geht es sicher nicht" sagte Flermin. "Erinnert ihr euch nicht an die alte Sage? Neun Erzmagier hat es im Lauf der Zeiten in Zavandor gegeben, und jeder war mächtiger als der vorangegangene. Nur wer mächtiger ist als der letzte Erzmagier, kann das Zepter ergreifen. Seht doch einmal genauer hin."

Die anderen folgten seiner Aufforderung, und entdeckten um das Zepter herum einige halbkreisförmige Fächer in der Wand. In jedem Fach stand eine steinerne Figur. Jede der Figuren trug eine finstere Miene zur Schau. "Das sind die Wahrzeichen der neun Erzmagier. Sie bewachen das Zepter. Nur wenn sie überwunden sind, kann das Zepter entfernt werden." Flermin klang fast wie einer ihrer Professoren. Er versuchte eine der Wächterfiguren herauszunehmen, doch sie war fest wie angewurzelt. "Und jetzt?" brummte Erdikt. "Ich habe trotzdem keine Lust mehr, mich weiter mit langweiligen Übungsaufgaben herumzuärgern. Irgendetwas muss man mit dieser Pracht doch anfangen können!"

"Natürlich!" entgegnete Jea munter. "Wir haben hier Edelsteine, die enorme Energie liefern können. Wir haben sagenhafte Artefakte und Bücher voller Geheimwissen. Wenn wir diese Rätsel entschlüsseln, werden wir mächtigere Zauberer sein als jeder unserer Lehrer. Und dann kommen wir vielleicht doch an das Zepter heran."

"Aber Erzmagier werden kann nur einer!" stellte Botilo fest.

"Das stimmt ..." Jeas Augen glänzten beim Anblick des Zepters. "Nur eine ..."